Von der täglichen Challenge im Jetzt zu leben

Gedanken zu einem Erlebnis aus meinem Alltag:

In der Oberstufe faszinierte mich das Studentenleben mit all seiner Freiheit, chaotischen Studentenwohnungen und spontanen Studentenreisen. Und jetzt mitten in genau der Art von Leben als Studentin schaue ich verträumt Instaposts und Pinterestbilder von romantischen Häusern, perfekten Küchen, süß angezogenen Kindern und harmonischem Familienalltag. Und bei all dem sehnsuchtsvollen Träumen in die nächste Lebensphase vergesse ich oft, die Lebensphase, in der ich gerade bin, mit all meiner Kraft und Gottes Beistand im Jetzt zu leben.

Erschöpft und ziemlich fertig von der Woche war ich Freitag nachmittags am Weg zum Bahnhof und durch Verspätungen wieder einmal gezwungen einen späteren Zug zu nehmen. Es war kalt, es schneite und ich war eindeutig nicht motiviert eine Stunde am Bahnhof herumzusitzen und genauso wenig davon begeistert mit all meinem Gepäck in meine Wohnung zurückzugondeln. So beschloss ich für die Stunde ins nahe gelegene GZ* zu fahren. Und dort erwartete mich: chaotischer Familienalltag. Spielsachen und Kekse quer über dem Raum verteilt, drei quirlige teils spielende teils streitende Kinder und eine junge Mama und ein junger Papa, die voll und ganz beschäftigt waren die ganze Bande zu managen. Sie wirkten fröhlich, glücklich und zufrieden – für sie normaler Alltag. Doch für mich nach einer Woche Uni mit anspruchsvollen Vorlesungen, Freizeit-Sportkursen, Kaffeekränzchen, Musikstunden – Studentenleben eben, eine völlig andere Welt. Und da wo ich am Abend zuvor noch verträumt Mama-Alltag Fotos geschaut habe, werde ich jetzt mit der Realität konfrontiert. Und bin plötzlich dankbar da zu sein, wo ich bin. Nicht, dass dieser Alltag in den ich da für ein paar Minuten hineingestolpert bin, nicht erfüllt und attraktiv wirkt. Nein, ganz und gar nicht. Aber ich fühle, dass Mama und Papa-sein ganz viel Hingabe, Liebe, Geduld, Opferbereitschaft und eine wirklich reife Persönlichkeit erfordert.  Plötzlich bin ich einfach nur dankbar, noch Zeit zu haben all diese Eigenschaften zu entwickeln und in Ruhe in meiner Persönlichkeit zu wachsen. Ja ich bin plötzlich dankbar, in meinem Alltag momentan meist nur mich, meine paar Termine und Verpflichtungen und meine kleine, feine 20m2 Wohnung managen zu müssen.  Und ich nehme mir wieder neu vor, diese besondere Lebensphase, in der ich gerade bin, zu schätzen. Nicht lange Träumen nachzugehen, wie es später mal werden wird, sondern mein Bestes zu geben im Jetzt gut zu leben. Darauf zu schauen, was mein Unikollege, meine Schwester, meine Freudin…mein Nächster gerade braucht und Tag für Tag in den alltäglichsten Situationen diese wertvollen Eigenschaften wie Hingabe, Liebe, Geduld und Opferbereitschaft zu lernen.

Denn, Heiligkeit entsteht nicht durch das Nachtrauern der Vergangenheit oder in der Sehnsucht nach der Zukunft. Nein, heilig wird man in den Höhen und Tiefen, Schönheiten und Schwierigkeiten des Hier und Jetzt, des kleinen Stückchens Leben, das einem Gott gerade schenkt und in der täglichen Challenge das Jetzt zu leben.

*GZ: Geistliches Zentrum. Eine Wohnung Mitten in der Stadt mit einer Anbetungskapelle, Küche,  Snacks, Couches und Sitzgelegenheiten, in der Mitglieder und Freunde der Loretto-Gemeinschaft Zeit verbringen können.

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