Wie lernt man richtig? Und vor allem wie lerne ich gut und effektiv?
Diese Fragen habe ich mir lange gestellt und ich stelle sie mir auch heute noch immer wieder. In mehr als vier Jahren Medizinstudium habe ich dennoch die ein oder andere Lernstrategie entwickelt und ausgefeilt, die ich euch gerne weitergeben möchte.
- Jeder ist ein anderer Lerntyp!
Ganz generell lernt jeder und jede mit anderen Methoden gut und effektiv. Wenn du auf meiner Uni herumfragen würdest, wie jeder lernt, würdest du so viele Antworten bekommen, wie du Personen fragen würdest. Deshalb kann ich auch nur meine persönlichen Lernstrategien weitergeben, wo sich jeder das rausnehmen kann, was einem am Ehesten weiterhilft. Um deinen persönlichen Lerntyp herauszufinden, gibt es auf YouTube ziemlich gute Videos. Denk auch nach, was bis jetzt gut funktioniert hat. Ich habe viele Lernmethoden aus der Schulzeit für meine MedAT-Vorbereitungs- und Unizeit übernommen! Es gibt auch viele Bücher und Internetartikel über richtiges Lernen, die wissenschaftlich neue Erkenntnisse gut mit der Praxis verbinden. Und denk dran, genauso wie das Leben verändern sich auch unsere Lernbedürfnisse immer wieder, daher ist es notwendig sich auf neue Anforderungen einzustellen und anzupassen.
Meine persönlichen Lernstrategien im Medizinstudium-Unialltag:
Also ich versuche prinzipiell, wenn ich es zeitlich schaffe, in die (freiwilligen) Vorlesungen zu gehen, weil es mir dabei hilft den neuen Stoff zu verstehen. Einfach alles schon mal gehört zu haben, beruhigt auch, um dann kurz vor der Prüfung nicht gestresst vor einem riesigen neuen Stoffberg zu stehen. Merke ich mir bei einmal hören alles?? Nein! Aber ich versuche den Vortragenden so gut es geht zu folgen und Anmerkungen zu einer Zusammenfassung/ PP-Folien am Tablet dazuzuschreiben, was mir dabei hilft, dass ich gedanklich nicht abschweife. Bei der Prüfungsvorbereitung lese ich dann in Ruhe die Folien/ Zusammenfassung nochmal durch und schlage Fremdwörter und Unklares nach. (googeln, Amboss – eine Medizinlernplattform, Bücher). Falls es mir schwerfällt die Inhalte in meinem Kopf in ein Gesamtkonzept/ eine Struktur einzuordnen mache ich eine Kurzzusammenfassung. Also echt nur mindmapartig die wichtigsten Begriffe und Hard-Facts von einem Kapitel zusammengefasst. Dann gehe ich die Unterlagen nochmal durch, während ich das Wichtigste laut vor mich her rede bzw. mir selbst erkläre bis ich‘s auswendig kann. Ich muss es vorher aber schon verstanden haben, damit es kein stures Auswendiglernen ist und ich das Gelernte später auch an Beispielen bzw. in der Praxis anwenden kann. Kurz vor der Prüfung gehe ich dann noch die Altfragen durch oder treffe mich mit Unikollegen zum gemeinsamen Durchbesprechen des Stoffes oder der Altfragen.
Generell bin ich ein Lerntyp, der zuerst verstehen muss, aber dann durch viel, viel Wiederholen auch auswendig lernen muss…zumindest die wichtigsten Fakten.
Mir hilft es auch meine Unterlagen möglichst gut strukturiert zu halten. Also Ordner (digital und analog) immer wieder ausmisten/ordnen, farbige Textmarker zum Markieren, die sich immer wieder durchziehen (z.b. gelb: Wichtiges, rosa: Fremdwörter, rot: Prüfungsfragen, hellblau: Medikamente, grün: Symptome).
Da ich viel am Laptop lerne (Ich mache eigentlich alle Uninotizen digital über OneNote) habe ich bewusst auch einen Desktophintergrund, der mich motiviert. (neutrales Bild mit schönem Sommererlebnis)
Also das ist kurz zusammengefasst, wie ich lerne, was natürlich ganz stark auch von meiner Studienrichtung abhängt und in jedem Fachgebiet zusätzlich zum Lerntyp sicher anders ist.
2. Planung: It’s all about the right timing.
- Bei der Lernplanung vom Prüfungstermin ausgehen, paar Tage zum Wiederholen einplanen (je nach Stoffmenge) und dann den Stoff auf den restlichen Zeitraum aufteilen.
- Nicht so Spannendes mit Spannendem, Auswendiglernen mit Verstehen, Neuer Stoff mit Wiederholungen abwechseln usw.
- Lernkalender (Raiffeisen-Stehkalender) Tagesziele notieren-> abhaken, nicht zu viel vornehmen, dass man auch wirklich Feierabend machen kann und nicht ständig das Gefühl hat man hinkt hinten nach (-> macht unmotiviert)
- Puffer einplanen ist überlebensnotwendig!! Kein Mensch kann 100% konsequent sein, es einmal nicht zu schaffen nach der Pause wieder mit dem Lernen zu beginnen ist normal!
- Lernziele/-motivation/ -belohnung aufschreiben!
Warum willst du das Lernen/ diese Prüfung schaffen? Was für ein Ziel hast du danach erreicht? Was machst du nach der Prüfung als Belohnung?
Ev. auch auf Post-it am Schreibtisch!
3. Eselsbrücken
Gerade bei Fremdwörtern, Medikamenteneigennamen oder trockenen Fakten. Es kann auch helfen die Eselsbrücke aufzuschreiben, gerade wenn das Stoffgebiet sehr groß ist und man lange nicht zum Wiederholen kommt. Es reicht oft schon die erste Assoziation zu nehmen, also das muss echt nicht perfekt sein und nur für dich logisch sein.
Eselsbrücken von anderen übernehmen funktioniert aus meiner Erfahrung genau aus diesem Grund (weil da irgendwie jeder eine andere Logik hat) nur selten.
4. Bildlich vorstellen!
Gerade bei physiologischen Abläufen oder logisch aufgebauten Systemen. Mach dir ein Bild im Kopf oder google Bilder dazu. Mit einem Bild im Kopf wird es dir viel leichter fallen dich später daran zu erinnern!
Und falls du menschliche Anatomie lernen musst, hast du ein Modell immer bei dir: deinen eigenen Körper. Also stell dir ruhig an dir selbst vor, welchen Weg das Blut vom Herzen aus fließt oder welcher Muskel sich zusammenzieht wenn du deinen Zeh wackelst.
5. Hard-to-memorize Zettel
Alles was ich mir so gar nicht merken kann, schreib ich mit einem dicken Filzstift auf einen Zettel, der für genau solche Wörter bestimmt ist. Oft merk ich mir das Wort dann schon allein durch das Aufschreiben und vor der Prüfung lese ich mir diesen Zettel dann auch nochmal durch.
6. Zettel im Zimmer aufhängen mit Hard-facts
Schreib dir das aller-allerwichtigste ganz kurz und prägnant zusammen und hänge dir den Zettel an die Wand, ins Bad, … irgendwo wo du in immer wieder siehst.
7. Mit Erfahrungen verbinden.
Beim Lernen geht es viel darum Verknüpfungen im Gehirn herzustellen. Also alles, was du mit irgendetwas Bekanntem oder einer eigenen Erfahrung verknüpfen kannst, wirst du dir viel leichter merken!
8. Wiederholungen!
Ja ich weiß das ist furchtbar anstrengend und manchmal richtig, richtig langweilig, aber Wiederholungen sind super effektiv beim Lernen. Gerade wenn man viel Auswendiglernen muss.
9. Zettel hinlegen für aufkreuzende Gedanken.
Beim Lernen kommen bei mir immer wieder Gedanken hoch, was ich für Freizeit- oder andere Uniaktivitäten ja nicht vergessen darf. Da hilfts das einfach auf einen bereitliegenden Zettel aufzuschreiben und es somit aus dem Kopf, aber trotzdem nicht vergessen zu haben.
10. Mitstoppen.
Gerade wenn die Motivation nachlässt oder man Schwierigkeiten hat sich länger zu fokussieren die effektive Lernzeit mitstoppen und wenn der Timer läuft möglichst nichts außer Lernen tun.
Man hat dann am Abend auch irgendwas „geschafft“ – wenns auch nur eine Summe an Stunden ist, weil sonst sieht man den Erfolg beim Lernen eh oft so lange nicht.
Es gibt dafür zahlreiche Apps aber Achtung: nicht ablenken lassen! Für mich gehts besser auf Zettel die Zeiten mitzuschreiben, weil ich sonst gerne am Handy hängenbleibe.
11. Störquellen ausschalten
- Handy außerhalb vom Zimmer hinlegen, Nachrichten lautlos und Klingelton an (so ist man im Ernstfall erreichbar aber nicht durch Unwichtiges abgelenkt).
- So gut wie möglich ruhigen Ort suchen z.B. Bibliothek.
- Laptop/ Tablet: Aufpoppende Fenster deaktivieren.
- Zimmer bzw. Schreibtisch ordnen.
12. Abwechslung
Laut vorlesen, leise durchschauen, recherchieren (alle Begriffe die man nicht kennt nachschauen bzw Mechanismen die man nicht versteht nachlesen oder sich Bilder, Videos drüber anschauen), sich gegenseitig erklären, einem Stofftier erklären, sich gegenseitig abprüfen, Anki-Karten, Karteikarten, MindMaps, Farben verwenden, Zusammenfassungen schreiben (meiner Meinung nach sehr effektiv aber extrem zeitaufwändig), Hard to memorize, Fragen aufschreiben und geblockt nachschauen/ googeln)
13. Austausch mit anderen
In der Schule sind gute Schulkollegen wichtig, auf der Uni sind gute Unikollegen überlebenswichtig!!
Zusammenfassungen/ Lernkarten austauschen und vor allem einfach darüber zu reden, wie weit jeder mit dem Stoff ist, kann einem den Stress nehmen. Man merkt, dass man nicht alleine überfordert mit der Stoffmenge und hinten im Lernplan ist oder wird motiviert, wenn man nachlässig geworden ist. Wichtig ist aber in einem ruhigen Moment zu überlegen, ob der Austauschpartner eine erstrebenswerte Lernhaltung hat (es nicht übertreibt aber schon auch was weiterbringt).
Ich bin während der Vorbereitung auf meine größte Prüfung PM10 immer mit einer Unikollegin laufen gegangen und wir haben uns dabei ausgetauscht, das war top!
14. Das Lernen romantisieren!
Lernen kann auch ästhetisch sein. Coole Drinks/ Snacks in Pausen (jede Menge Inspiration auf Pinterest und co), schöne Lernplätze (draußen auf Decke, am Fluss), kuschelige Decke + Tee, schöne Stifte,… das alles kann ein bisschen dazu beitragen, dass das Lernen abwechslungsreich und angenehm bleibt.
Meine Schwester pflückt bei den Spaziergängen in den Lernpausen immer wieder Blumen, die sie sich auf ihren Schreibtisch stellt.
15. Jesus freut sich auch wenn du ihn ins Lernen einbeziehst 🙂
- Am Morgen Lerntag Jesus übergeben.
- Hl.Messe in Früh hilft gerade in sehr intensiven Zeiten 1x am Tag bewusst nicht ans Lernen zu denken (oder das zumindest zu versuchen…)
- immer wieder Zeit in Anbetung
- Just give your best and Jesus will do the rest!
16. Pausen
- Regelmäßig, kurze Dauer bis länger je nachdem wie lange man schon lernt.
- Snacks (gesund, leicht verdaulich, ev. in Früh schon vorbereiten, Meine Renner: Obst, Trockenfrüchte, Nüsse, Drinks, kleine Brote, Gemüsesticks, Joghurt+Nüsse/Marmelade/Müsli)
- Telefonieren hilft einen mal an was anderes zu denken.
- Spaziergang: an der frischen Luft „raucht“ das Hirn immer gleich schneller aus. 😉
- Laufen! Bin zum Teil fast jeden Tag wenn auch nur kurz Laufen gegangen. Ev. auch mit Freunden als Gesprächszeit nutzen, wenn die Zeit generell grad knapp ist.
- 10 min Workout jeden Tag hilft mir extrem nicht verspannt zu werden und Rückenschmerzen vorzubeugen. Und ist wenig Aufwand: einfach am Teppich mit YouTube Video mitmachen. (ev Video stumm schalten und eigene Musik dazu)
- Küche aufräumen
- Handstand üben
- Tee machen
- Aus dem Fenster lehnen und in die Ferne schauen
- Für mich ist Insta, Filme, Lesen in Pausen ablenkend (denke dann ewig drüber nach bzw. werde süchtig) für andere aber entspannend und guter Ausgleich.
Nach Prüfungen Zeiten der Erholung! Gut Essen gehen/ Fortgehen mit Unikollegen, mehrere Tage bewusst Erholen nach großen Prüfungen!
17. Tagesplan machen
So viel wie möglich jeden Tag zur gleichen Zeit machen, auch wenn man einen unregelmäßigen Uniplan hat ,spart meiner Erfahrung nach extrem viel Energie.
Z.B. gleiche Zeit Wecker, Zeit wo man zu kochen beginnt, Zeit für Sport, Zeit für Haushaltssachen, …)
18. Auf deinen Körper achten!
Ist die Basis um dich gut konzentrieren zu können und leistungsfähig zu bleiben.
- Genug hochwertige Lebensmittel kaufen, um motiviert für gesundes leckeres Essen zu werden.
- Genug schlafen!!!
- Wenn du oft hintereinander krank bist oder viel Gewicht zu-/abnimmst hinterfragen, ob du dich überlastest bzw. was du ändern könntest.
19. Finde heraus was dich boostert!
Jeder ist da anders, aber für jeden gibt es was, dass einem einen Energieschub verpasst.
Für mich ist das definitiv Essen + Schlafen. Deshalb esse und snacke ich an Lerntagen möglichst regelmäßig, lege nach dem Mittagessen 10-30min Powernap ein (teilt den Tag in 2 Teile, so effektiv!) und versuche in der Nacht 7-8h zu schlafen.
20. Zeiten/ Tätigkeiten definieren, wo man aus Prinzip nicht ans Lernen denkt.
Z.B. beim Kochen, Essen, Hl.Messe, nach 22.30 Uhr, vor 7.30 Uhr, Sonntag Vormittag od. Samstag Abend, …)
Jeden Tag kurz mal was anderes zu machen ist so wichtig!
21. Finde deine produktiven Zeiten!
Eher Abends oder Morgens, wann ist deine produktivste Zeit? Wann sind deine unmotivierten Zeiten? Versuche deinen Lern- und Tagesplan danach auszurichten.
22. Hilfe holen!
In Lerntiefs: Freunde/ Eltern Anrufen, Ort wechseln
Zu Prüfungsinhalten: Fragen!!!! Unikollegen WA schreiben oder anrufen, Professoren in VLs aber auch per E-Mail fragen.
23. Reflektieren!
z.B. am Ende der Woche im Zug beim Heimfahren oder nach einem Semester/ nach einer Prüfung: Was war hilfreich? Was könnte verbessert werden?
Daraus abgeleitete Präventivmaßnahmen: Powernap gegen Kaffee, Sport gegen Verspannung, genug gesundes Essen gegen Süßigkeiten-Lust
Rat / Wahrnehmungen von außen ernst nehmen! V.a Eltern,Freunde,…
24. Opferbereit sein!
- Ist mit konkretem Ziel (Prüfungstermin) einfacher!
- Oft war meine Motivation auch „dass die Zeit rennt“, also dass Prüfung bald vorbei ist und ich all die lustigen anderen Sachen dann wieder machen kann.
- Immer wieder „Nein sagen“ lernen, man muss nicht überall dabei sein.
- Prioritäten helfen (-> Grow Prioritäten). Wenn Prioritäten kurz mal in Dysbalance sind nicht so schlimm aber oft und dauerhaft wird’s gefährlich!
25. Mit dir selbst geduldig sein
- Wie bei so vielen anderen Bereichen im Leben auch…
- Erstens mal ist es wichtig Zeit ins Lernen zu investieren und Step 2 ist dann die Lernzeit gut zu nutzen.
- Es ist normal, dass man mal müde und unkonzentriert ist. Nach Tiefphasen kommen fast immer wieder Hochphasen.
- Konsequenz ist trainierbar!! Nach Ferien immer schwierig wieder reinzukommen.
- Aber auch wichtig dass man nicht hart und streng mit sich selbst und anderen wird.
- So wenig wie möglich vergleichen! Jeder lernt anders und anders schnell.
Abschließend möchte ich sagen, dass ich jetzt im 5. Unijahr das Lernen schon viel mehr im Griff habe, wie am Anfang, aber immer noch weit nicht perfekt darin bin. Das muss meiner Erfahrung nach aber auch gar nicht sein, um sich erfolgreich durchs Studium zu lernen!
Also Viel Erfolg! 🙂