Hast du dich schon mal gefragt, wie du konkret im Alltag offener für Gott werden kannst? Was dir dazu helfen könnte, Gottes Stimme zu hören und seinen Willen in alltäglichen Entscheidungen besser zu erkennen?
Genau diese Fragen, habe ich mir vor zwei Jahren auch gestellt und glücklicherweise eine Gebetsform entdeckt, die mir enorm hilft, in der Beziehung zu Gott und den Menschen im Alltag zu wachsen – das „Examen Prayer“, eine tägliche Gewissenserforschung nach Ignatius von Loyola.
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KEY FACTS:
- tägliche Gewissenserforschung
- 5 Schritte: 1. Gratitude 2. Petition 3. Review 4. Forgiveness 5. Renewal
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Ich habe damals vor ca. 2 Jahren zu Neujahr begonnen, 15 min täglich still zu beten und relativ schnell gemerkt, wie sehr es mir geholfen hat, mich im alltäglichen Leben mehr auf Gott zu fokussieren. Mir ist es aber oft schwergefallen, mich ganz auf das Gebet und die Zeit vor Gott zu konzentrieren. Meist sind meine Gedanken irgendwo um den vergangenen Tag gekreist und mir ist es nicht so leicht gefallen in diesem Gedanken-Wirrwar Gottes Stimme herauszuhören. So habe ich nach einer Anleitung gesucht, um in dieser stillen Zeit mehr bei Gott zu sein. Zufälligerweise habe ich dann ein paar Tage bei meiner älteren Schwester, die im Orden der Missionarinnen der Nächstenliebe (Mutter Teresa Schwestern) in Baku lebt, verbracht und sie hat mir begeistert von diesem Examen Prayer erzählt, dass sie im Orden als Möglichkeit zur Gewissenserforschung kennengelernt haben. Ich bete es jetzt seit über 2 Jahren fast täglich, habe mich auch weiter durch Podcasts und Bücher dafür interessiert und das Examen Prayer echt zu schätzen gelernt!
Aber was ist das Examen Prayer? Wie betet man da? Und was macht man da genau?
Begründet hat es der Hl. Ignatius von Loyola, der im 15./ 16. Jahrhundert gelebt hat, was zwar schon ein paar Jahrhunderte her ist, aber was er vorgeschlagen hat, ist noch topaktuell! Er empfiehlt einen regelmäßigen Tagesrückblick, eine Gewissenserforschung, die grundsätzlich in 5 Schritten aufgebaut ist: 1. Gratitude, 2. Petition, 3. Review, 4. Forgiveness, 5. Renewal
Es gibt viele Möglichkeiten, dieses Gebet in den Alltag einzubauen: im Zug am Weg zur Schule/ Uni/ Arbeit, nach der Frühmesse, unter Tags in einer Kirche, bei einem Spaziergang, zu Hause vor dem Schlafengehen, … Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass hilft sich dafür in eine besinnliche Atmosphäre zu begeben. Ich zünde, wenn ich‘s vorm Schalfengehen daheim mache, meist eine Kerze an oder ich schau am Heimweg von der Uni in einer Kirche vorbei. 🙂 Da ich ein ziemlicher Listen- und Strukturtyp bin, schreib ich die Punkte in ein Notizbuch (-> siehe Foto), aber es ist genauso möglich die 5 Schritte im Kopf durchzugehen.
Nun konkret zu den 5 Punkten, die ich beim Examen Prayer der Reihe nach durchgehe:
1. GRATITUDE (Dankbarkeit)
Für was bin ich konkret dankbar an dem vergangenen Tag? (Begegnungen, Situationen)
Dieser Schritt ist sehr hilfreich, um Gottes Liebe am betrachteten Tag zu bemerken. Oft stecken wir so im Trubel des Alltags, dass wir Gottes Beistand und Hilfe in täglichen Situationen gar nicht bemerken. Der erste Punkt fördert auch echt Dankbarkeit Gott gegenüber und macht dich langfristig viel zufriedener und erfüllter mit deinem Leben!
2. PETITION (Bitte)
Einerseits bittet man um den Hl.Geist für einen guten Tagesrückblick, also dass uns diese Zeit wirklich verwandeln kann und andererseits können generell Sorgen/ Anliegen vor Gott gebracht werden, was einem echt erleichtern und entlasten kann, wenn Probleme Gott anvertraut wurden.
3. REVIEW (Rückblick)
Das ist eigentlich der Hauptteil, das Herz des Examen Prayers und der Hl. Ignatius empfiehlt, dass wir von morgens bis Abends den vergangenen Tag durchgehen und von einem Ereignis zum nächsten oder Stunde um Stunde darüber nachdenken.
CONSOLATION
Welche Situationen/ Begegnungen haben mich aufgebaut und in gute Verfassung gebracht? Was hat mich näher zu Gott/ zum Guten/ zur Heiligkeit gebracht? Was wollte mir Gott durch diese Freude sagen? Was für eine Art der Freude war es? All dies fasst der Hl.Ignatius unter der Consolation (Trost – gute Verfassung) zusammen.
Zum Beispiel du warst in der Sonntagsmesse und der Priester hat besonders gut gepredigt und du gehst top motiviert heilig zu werden in die neue Woche. Die Gefühle wärn dann z.B. Friede, Freude, Erfüllung, Motivation,…
DESOLATION
Was hat mich niedergedrückt? Negative Ereignisse/ Gedanken, … Wann war ich in schlechter Verfassung? Was hat mich von Gott/ seinem Willen entfernt? Dies bezeichnet man mit Desolation.
Hier versucht man dann wieder die Gefühle und Gedanken zu diesen Ereignissen zu ergründen.
Zum Beispiel bin ich aus irgendeinem Grund verärgert über das Verhalten einer anderen Person und behandle sie dann verletzend. Wenn ich dann aber meine Gefühle zu dieser Situation ergründe, merke ich, dass ich eigentlich selbst unsicher und neidisch war und deshalb so verärgert war. Denn oft zeigt ein Ärger über äußere Dinge eine innerliche Unruhe auf.
Weitere Fragen, die man sich stellen kann, sind:
- Was hat mich in die gute/ schlechte Verfassung gebracht?
- Wie bin ich damit umgegangen?
- Wann hat die schlechte Verfassung angefangen?
- Wie bin ich aus der schlechten Verfassung wieder herausgekommen?
- Und vor allem immer: Wo war Gott in meinem Tag/ diesen Ereignissen? Zu was hat mich der Herr gerufen? Wie war meine Antwort? Habe ich überhaupt darauf gehört?
Noch ein Zitat von Father Timothy Gallagher, dessen Buch echt eine gute Grundlage für dieses Gebet ist:
„Step 3 contains enormous potential for growth in our capacity to notice, understand and respond fruitfully to the spiritual movements of our hearts and so to increase in Gospel love.“
An diesem Punkt möchte ich euch auch kurz die Unterscheidung der Geister von Hl.Ignatius erklären. Und zwar versucht er hier Situationen/ Eetscheidungen immer in drei Schritten aufzuteilen, um Gottes Geist bzw. seinen Willen darin zu erkennen.
1. Notice (Wahrnehmen)
2. Understand (Klarheit bekommen)
3. Respond (darauf reagieren, idealerweise Gottes Willen tun)
Und genau das kann man durch Examen Prayer super trainieren und dann konkreten Situation anwenden und so immer mehr Desolation/ Sünde vemeiden. Außerdem bekommt man eine ganz neue Freiheit in Entscheidungen durch einen viel klareren Blick auf Situationen.
4. Forgiveness (Vergebung)
Nach dem Rückblick über den Tag dürfen alle Unvollkommenheiten des Tages/ Sünden vor Gott gebracht werden und um Vergebung gebten werden.
Ich gehe diese Notizen bei meiner Beichtvorbereitung immer durch, das spart echt Arbeit. haha 😉
Fr. Gallagher schreibt: „Step 4 is key to the prayer of examen“. Also die tägliche Bitte um Vergebung ist ganz wesentlich, denn sie schafft die Vorraussetzung für nächsten Schritt…
5. Renewal (Erneuerung)
Was lerne ich aus dem vergangenen Tag? Wie möchte ich mich bessern? Was kann ich konkret tun um morgen mehr mit Gott/ in der Liebe zu leben?
Durch diesen Schritt erlaubt man der Vergangenheit, Licht für die Zukunft zu sein. Der 5 Schritt fördert auch eine Gottesbeziehung, die täglich nach geistigem Wachstum strebt und das sollte unter anderem das Ziel jedes christlichen Lebens sein.
Mir stellt sich im Alltag auch immer wieder Frage, wie ich bei der Wahl zwischen so vieler Möglichkeiten das Richtige wähle. Und da hilft es mir im 5. Schritt um die Gnade zu bitten, Gottes Willen zu erkennen und danach am nächsten Tag zu handeln!
Eventuell hilft es auch sich konkret zu überlegen, was einem am nächsten Tag erwartet und wie man den Tag verbringen möchte.
Wichtig ist noch sich „small steps“, also kleine Schritte vorzunehmen und aus Erfahrung kann ich sagen, dass ich mir oft wieder genau dasselbe vornehme. Aber hier ist es so wie beim Beichten, durch die Gnade Gottes und den festen Willen sich zu ändern, schafft man’s irgendwann doch. 🙂
Am Ende der Tagesrückschau ist oft auch nicht alles Gelöst, aber doch meist Klarheit was jetzt als nächstes dran ist und vielleicht auch über was man ein anders mal noch weiter nachdenken könnte.
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Was sind jetzt die großen Benefits des Examen Prayer, warum solltest du es machen?
- „Enormous potential for spiritual growth“ – also es ist echt mega hilfreich in der Heiligkeit zu wachsen und als Persönlichkeit zu reifen
- es motiviert Tugenden zu entwickeln
- Dankbarkeit/ Zufriedenheit werden gefördert
- Achtsamkeit für Gottes Wirken in meinem Leben steigt
- es hilft demütig zu werden, denn wenn man sich jeden Tag seiner Fehler bewusst wird, merkt man schnell, dass man doch noch nicht so heilig ist wie man gerne wäre…
- aber Fehler/ Schwächen bedrücken nicht, weil Gott vergibt und ein Neustart jederzeit möglich ist und das hält man sich auch täglich durch den 4. Schritt vor Augen
- Bewussteres Erleben des Alltags! Erstens geht man vorbereitet in den Tag und wiederholt ihn nachher auch nochmal, also ich finde echt, dass das Leben dann nicht so an einem vorbeifliegt und man viel Achtsamer wird.
- Und ich finde, man kann viel besser schlafen, da die Gedanken geordnet werden, also ich schlafe meist wie ein Murmeltier… 😉
Was ist der Nachteil? Es braucht ein wenig Zeit und die tägliche Überwindung. Ich hab mir seit einiger Zeit „no screen time before bed“ vorgenommen. (ein Tipp von Emily Wilson für eine happy marriage XD) weil ich merke, gerade am Abend bin ich oft schon zu müde um noch recht konsequent zu sein, also das Examen Prayer ist da eine super Alternative!
Im Laufe der Zeit habe ich auch erlebt, dass die Gewissenserforschung sich immer mehr mechanisch, ohne Gott, irgendwie oft nur mit psychologischem Nutzen entwickelt hat und da braucht man dann auch immer wieder neuen Imput, um dran zu beleiben und damit das Examen Prayer seinen vollen Wert behalten kann. Hilfreich kann hier geistliche Begleitung, der Austausch mit Freunden oder ganz klassisch Inspiration von Büchern und Podcasts sein. Ich verlinke euch unten, was mir geholfen hat.
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Es gibt in der katholischen Kirche echt viele Gebetsformen und man kann und soll auch wirklich nicht alles machen, doch das Examen Prayer ist echt eine besonders wertvolle Gebetsform darunter! Deshalb empfehle ich einfach zu starten, schnapp dir ein Notizbuch, überleg dir wann du’s in deinen Tag integrieren kannst – „just do it“.
„Wie schön und gut würden alle Menschen sein, wenn sie jeden Abend vor dem Einschlafen die Ereignisse des ganzen Tages vor Augen führten und überlegten, was gut und was schlecht gewesen ist! Unwillkürlich probiert man jeden Tag wieder von neuem, sich zu bessern, und nach Ablauf einer gewissen Zeit ist dann auch etwas erreicht. Dieses Mittel kann jeder gebrauchen, es kostet nichts und ist jedem erreichbar. Denn wer es nicht weiß, muss es lernen und erfahren: „Ein ruhiges Gewissen macht stark!“
Anne Frank, 6. Juli 1944
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Quellen:
- Gallagher, Timothy O.M.V.: The Examen Prayer. Ignatian Wisdom for our Lives Today. New York: The Crossroad Publishing Company, 2006.
- Podcast Father Gallagher: DPD1-“What is an Examen”-The Daily Prayer of Discernment: The Examen Prayer w/ Fr. Timothy Gallagher. https://www.youtube.com/watch?v=qD1Bs6l-agw&t=138s. [26.11.2021]
- Emily Wilson: 25 QUICK Secrets to an Amazing Marriage. https://www.youtube.com/watch?v=Aci3oj7-mNQ. [26.11.2021]
- Frank, Anne: Das Tagebuch der Anne Frank. 12. Juni 1942 – 1. August 1944. übers. v. Schütz, Anneliese. 46. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1979, S.192.